„Erst verstehen, dann entscheiden"

Über die Expertin Dr. Rosa Kindling

Dr. med. Rosa Kindling wurde im Nordirak geboren und studierte Humanmedizin an der Universität zu Köln, ergänzt durch internationale Ausbildungsstationen in Luzern, London und Sri Lanka. Nach ihrer Promotion im Jahr 2019 absolvierte sie ihre chirurgische Grundausbildung und schloss im Juli 2024 erfolgreich ihre Facharztweiterbildung zur Fachärztin für Plastische und Ästhetische Chirurgie ab. Bereits im Juni 2021 gründete sie parallel zu ihrer Kliniktätigkeit die Privatpraxis dr.rosi, die sich auf ästhetische und minimal-invasive Behandlungen und die Lipödemchirurgie spezialisiert hat.

Die Diagnose Lipödem ist für viele Frauen der Endpunkt eines jahrelangen Leidenswegs – und gleichzeitig der Beginn vieler neuer Fragen. Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Operation? Welche Methode verspricht den größten Erfolg? Und wie sieht die optimale Vorbereitung aus? Im Interview spricht Dr. med. Rosa Kindling über die Bedeutung einer informierten Entscheidung, realistische Erwartungen, ein ganzheitliches Behandlungskonzept und warum die Erfahrung des Operateurs wichtiger ist als das modernste Gerät.

„Eine Liposuktion sollte immer eine bewusste, gut informierte Entscheidung sein und niemals der erste Reflex nach der Diagnose."

Venen Engel: Viele Patientinnen haben einen jahrelangen Leidensweg hinter sich, bis sie die Diagnose erhalten. Wann ist aus deiner Sicht der richtige Zeitpunkt, über eine Liposuktion nachzudenken, und wann sollte man eher konservativ behandeln?

Dr. Rosa Kindling: Mein Grundsatz lautet: Erst verstehen, dann entscheiden. Eine Liposuktion kann für viele Patientinnen ein enormer Gewinn an Lebensqualität sein – aber sie sollte immer eine bewusste, gut informierte Entscheidung sein und niemals der erste Reflex nach der Diagnose.

Ich würde das gar nicht als „Entweder-oder“ betrachten. Sobald die Diagnose gestellt wird, sollte man sich zunächst intensiv mit dem Krankheitsbild auseinandersetzen. Im Idealfall beginnt man mit den konservativen Therapiemaßnahmen, um den eigenen Körper und die Erkrankung besser kennenzulernen. Langfristig besteht die Behandlung häufig aus einer Kombination aus einem gesunden Lifestyle, konservativen Maßnahmen und – wenn es individuell sinnvoll ist – einer Liposuktion.

Wenn sich eine Patientin nach ausführlicher Aufklärung und konservativer Therapie für eine Operation entscheidet, spricht aus chirurgischer Sicht häufig einiges dafür, den Eingriff nicht unnötig lange hinauszuzögern. Bei jüngeren Patientinnen sind Hautelastizität und Gewebequalität oft günstiger, sodass sich die Körperkonturen nach der Operation häufig besser anpassen. Schwangerschaften oder größere Gewichtsschwankungen können das Bindegewebe zusätzlich beanspruchen und das spätere ästhetische Ergebnis beeinflussen. Entscheidend ist jedoch niemals allein das Alter, sondern immer die individuelle Situation, der Leidensdruck und die persönlichen Therapieziele der Patientin.

„Meiner Meinung nach ist deshalb weniger das Gerät entscheidend als die Erfahrung des Operateurs."

Venen Engel: Die Medizintechnik entwickelt sich ständig weiter. Welche Methoden benutzt du am liebsten für die Liposuktion bei einem Lipödem?

Dr. Rosa Kindling: Ich habe mit der wasserstrahlassistierten Liposuktion (WAL) gelernt und operiere auch heute mit dieser Methode. Sie ermöglicht ein sehr gewebeschonendes Arbeiten.

Nach aktueller wissenschaftlicher Datenlage konnte bisher keine Liposuktionsmethode der anderen eindeutig überlegen gezeigt werden. Sowohl die wasserstrahlassistierte (WAL) als auch die vibrationsassistierte Liposuktion (PAL) können bei korrekter Anwendung hervorragende Ergebnisse erzielen.

Meiner Meinung nach ist deshalb weniger das Gerät entscheidend als die Erfahrung des Operateurs. Selbst mit der modernsten Technik kann man schlechte Ergebnisse erzielen, wenn Erfahrung oder ein gutes ästhetisches Verständnis fehlen. Umgekehrt lassen sich mit einer präzisen Technik und viel Erfahrung ausgezeichnete Resultate erreichen.

Venen Engel: Eine Liposuktion ist kein kleiner Eingriff. Wie sieht die optimale Vorbereitung auf die OP aus?

Dr. Rosa Kindling: Die beste Vorbereitung beginnt bereits einige Wochen vor der Operation. Ein ausgewogener Ernährungsstil, regelmäßige Bewegung und ein stabiles Körpergewicht schaffen gute Voraussetzungen für eine optimale Heilung.

Ganz wichtig ist mir dabei: Bitte unmittelbar vor der Operation keine radikale Diät beginnen. Für eine gute Wundheilung benötigt der Körper ausreichend Energie und insbesondere genügend Proteine. Deshalb sollte das Gewicht möglichst stabil gehalten werden.

Patientinnen mit ausgeprägten Ödemen oder einem starken Spannungsgefühl profitieren häufig zusätzlich von einer konsequenten Kompressionstherapie und – wenn individuell sinnvoll – auch von manueller Lymphdrainage.

„Die Liposuktion behandelt das krankhaft vermehrte Fettgewebe, ersetzt aber keinen gesunden Lebensstil."

Venen Engel: Mit welchen Erwartungen kommen die Patientinnen zu dir und was gibst du ihnen mit auf den Weg?

Dr. Rosa Kindling: Die meisten Patientinnen kommen mit sehr realistischen Erwartungen. Im Vordergrund stehen selten rein ästhetische Wünsche. Viel häufiger sind es Schmerzen, das permanente Schweregefühl und die Einschränkungen im Alltag, die sie belasten. Viele möchten sich einfach wieder leichter bewegen können und ihre Lebensqualität zurückgewinnen.

Natürlich gibt es auch Patientinnen mit unrealistischen ästhetischen Vorstellungen. Dann gehört es zu unserer Verantwortung als Operateure, offen über die Grenzen einer Operation zu sprechen. Wenn sich keine gemeinsame realistische Erwartungshaltung entwickeln lässt oder ein gewünschtes Ergebnis medizinisch nicht erreichbar ist, sollte man im Zweifel auch von einer Operation abraten.

Venen Engel: Stichwort Nachbehandlung: Gibt es eine goldene Regel für die Zeit nach der OP?

Dr. Rosa Kindling: Ja – übernimm selbst aktiv Verantwortung für deine Gesundheit. Die Liposuktion behandelt das krankhaft vermehrte Fettgewebe, ersetzt aber keinen gesunden Lebensstil. Bewegung bleibt auch nach der Operation ein zentraler Bestandteil der Therapie.

Sobald Kreislauf und Beschwerden es zulassen, empfehle ich meinen Patientinnen regelmäßige Spaziergänge. Anschließend erfolgt schrittweise die Rückkehr zum Sport.

Ich freue mich immer, wenn Patientinnen schon beim Fädenziehen fragen, wann sie wieder schwimmen oder trainieren dürfen. Das zeigt Motivation und Eigenverantwortung. Ziel sollte immer eine nachhaltige Verbesserung sein – nicht die Erwartung, dass jede spätere Veränderung erneut operativ gelöst werden muss. Eine erfolgreiche Behandlung betrachtet immer den Menschen als Ganzes.

„Informiert euch ausführlich über das Lipödem, probiert die konservativen Therapiemöglichkeiten aus und beobachtet, was euch persönlich guttut."

Venen Engel: Gibt es eine Patientengeschichte aus deiner Praxis, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Dr. Rosa Kindling: Ja, besonders aus meiner Zeit in der Klinik vor meiner Elternzeit.

Wir behandelten dort auch Patientinnen mit sehr ausgeprägtem Lipödem im Stadium III, die in ihrer Mobilität bereits erheblich eingeschränkt waren. Eine Patientin konnte ihren Alltag kaum noch selbstständig bewältigen.

Nach mehreren Liposuktionen und anschließenden Hautstraffungen entwickelte sie sich beeindruckend. Nicht nur funktionell, sondern auch ästhetisch waren ihre Beine kaum wiederzuerkennen. Noch viel wichtiger war aber, wie sie ihre Lebensfreude zurückgewann. Sie konnte wieder spazieren gehen, soziale Kontakte pflegen und aktiv am Leben teilnehmen. Solche Entwicklungen zeigen, welchen enormen Einfluss unsere Arbeit auf die Lebensqualität haben kann.

Venen Engel: Welchen Rat gibst du Frauen, die gerade erst ihre Diagnose erhalten haben?

Dr. Rosa Kindling: Mein wichtigster Rat lautet: Nehmt euch Zeit, die Erkrankung wirklich zu verstehen.

Informiert euch ausführlich über das Lipödem, probiert die konservativen Therapiemöglichkeiten aus und beobachtet, was euch persönlich guttut. Eine Liposuktion kann die Beschwerden häufig deutlich verbessern und die Lebensqualität steigern, sie ist aber kein Notfall.

Trefft diese Entscheidung deshalb bewusst und ohne Zeitdruck. Noch wichtiger ist, dass ihr euch bei eurem Behandler vollständig aufgehoben und verstanden fühlt. Erst wenn ihr die Erkrankung angenommen habt und alle Fragen beantwortet sind, solltet ihr gemeinsam über einen operativen Eingriff entscheiden.

Fazit

Die Liposuktion beim Lipödem ist kein kosmetischer Eingriff, sondern für viele Patientinnen ein wichtiger Baustein der Therapie. Studien konnten zeigen, dass sie Schmerzen reduzieren, die Mobilität verbessern und die Lebensqualität nachhaltig steigern kann.

Gleichzeitig ersetzt die Operation weder einen gesunden Lebensstil noch die Eigenverantwortung für die langfristige Gesundheit. Wer die Erkrankung ganzheitlich versteht, konservative Maßnahmen sinnvoll integriert und sich in erfahrene Hände begibt, schafft die besten Voraussetzungen für ein dauerhaft gutes Behandlungsergebnis.